Apnoetauchen - Die Tiefe in mir

Die Vorstellung vom Tauchen ohne Atemgerät, nur mit der Luft die in meine Lungen passt, hat mich schon immer in ihren Bann gezogen. Die Sehnsucht nach der Tiefe des Ozeans ließ mich nicht mehr los und so bin ich nach Thailand gereist, um die Kunst des Apnoetauchens zu lernen. 

 

März 2015. Ich befinde mich auf der Insel Koh Tao im Golf  von Thailand. Sand rieselt durch meine Zehen, während ich im Büro der Tauchschule auf meinen Lehrer warte. Bat heißt eigentlich Joséba und stammt aus dem Baskenland. Seit 25 Jahren lebt er hier am Strand, in einer kleinen Hütte aus Holzbalken und Wellblech. Sein Äußeres erinnert mich an einen Apfel, der unter´s Sofa gerollt ist und dort vergessen wurde. Spindeldürr steht er nun vor mir, die von Sonne und Meer schwielig gegerbte Haut nur mit einer bunten Wickelhose bedeckt und mustert mich mit trüben Augen. Hastig dränge ich die aufkeimenden Zweifel über mein Vorhaben beiseite. Nach einer knappen Begrüßung drückt mir Bat ein Buch in die Hand, weist mich an, die ersten Kapitel noch heute zu lesen und mich am nächsten Morgen in seiner Strandhütte einzufinden. Da er jetzt im Dorf auf ein Bier verabredet sei könne er mir für´s Erste nicht mehr erklären. Er wünscht mir einen schönen Abend, zündet sich eine Kippe an und macht sich davon. Ich klemme mir das Buch unter den Arm und stiefle durch den Sand zurück zu meiner Bambushütte. Wie um alles in der Welt soll mir dieser schräge Vogel, der sich hauptsächlich von Zigaretten und Bier zu ernähren scheint, beibringen, meinen Körper von seiner Sucht nach Sauerstoff zu befreien und die Barrieren, die uns Menschen seit Äonen vom Wasser trennen, zu überwinden?! Ich werde es bald herausfinden. 

 

Am nächsten Morgen suche ich Bat wie vereinbart in seiner Hütte auf. Nur ein Vorhang trennt den Teil seines Domizils, der vermutlich das Wohnzimmer sein soll, vom Strand. Zwischen einem Gewirr aus Flossen und Neoprenanzügen, Harpunen, Büchern, und Tauchmasken ist eine Hängematte aufgespannt, aus der mir Bat lässig hin und her schwingend entgegen linst. „Komm rein und setz Dich“, brummt er. Fieberhaft suche ich nach einer Sitzgelegenheit. Mittels Ausschlussprinzip entscheide ich mich für eine auf dem Boden ausgebreitete Strohmatte und lasse mich im Schneidersitz nieder. Mit großväterlichem Blick schält sich Bat schließlich aus seinem Ruhelager. Er böte mir keinen Kaffee an, erklärt er, denn das Koffein treibe den Puls nur unnötig in die Höhe. Für das Apnoetraining müsse dieser so niedrig und gleichmäßig wie möglich sein. Ihn zu kontrollieren wäre eine meiner ersten und wichtigsten Lektionen. Auf Nikotin und Alkohol solle ein Apnoetaucher im Übrigen auch verzichten. Je besser der Gesundheitszustand des Körpers, desto gefahrloser sei der Sport. Ich nicke höflich. Bat kann sich ein verlegenes Grinsen nicht verkneifen. Noch während ich mein schlechtes Gewissen hinsichtlich der drei Tassen Kaffee, die ich mir zum Frühstück genehmigt habe, verdränge, befielt mir Bat, mich flach auf den Rücken zu legen. Ob ich schonmal versucht habe, die Luft für längere Zeit anzuhalten? „Ähm, ja…“, erwidere ich. Bat weist mich an, tief Luft zu holen und solange den Atem anzuhalten wie ich nur irgendwie kann. Ich gehorche. Schon nach kurzer Zeit macht sich Unruhe in meinem Körper breit, wandert in Richtung meiner Brust und bringt mein Zwerchfell krampfartig zum Zucken. Als mich die Atemnot zu zerreissen droht, jappse ich wie eine Ertrinkende nach Luft. „Eine Minute und 15 Sekunden. Nicht schlecht für den Anfang.“ kommentiert mein Lehrer. „Die meisten schaffen nicht mal eine Minute.“ Was die Biologie Atemreflex nennt, ist die erste von mehreren natürlichen Reaktionen, mit denen der Körper gegen den Sauerstoffentzug ankämpft um die Schäden für sich selbst so gering wie möglich zu halten. Wenn die Kohlenstoffdioxid-Konzentration an den roten Blutkörperchen einen bestimmten Grenzwert überschreitet gibt der Körper unmissverständlich den Befehl zum Atmen. Bat erklärt mir, dass es nicht der Sauerstoffmangel war, der mich zum Luft holen gezwungen hat, sondern eine zu hohe CO2 -Konzentration in meinem Blut. Diesen Reflex zu überwinden, die Gier meines Körpers nach frischem Sauerstoff zu ignorieren, ist meine erste Lektion. 

 

Zwei Minuten und 32 Sekunden 

 

„Ich zeige Dir jetzt, wie Du es noch viel länger schaffst“, tönt Bats Stimme an mein Ohr. Erwartungsvoll rutsche ich auf meiner Strohmatte hin und her. „Du musst Dich entspannen. Lass alle Muskeln locker.“ Ich versuche also meinen Körper in den Aggregatzustand eines Wackelpuddings zu versetzen und lausche Bats weiteren Erklärungen: „Du atmest ganz tief ein, etwa fünf Sekunden lang und doppelt so lange wieder aus, also zehn Sekunden. Am besten machst Du die Augen zu. Drei Minuten, dann gebe ich Dir ein Zeichen. Anschließend holst Du dreimal hintereinander so tief Luft wie Du kannst und stößt sie kräftig wieder aus.  Und dann saugst Du so viel Sauerstoff ein wie Deine Lungen verkraften. Du musst die Luft schlucken.“ Bat bewegt demonstrativ die Lippen wie ein Fisch an Land. „Und dann stoppen wir nochmal.“   

Bat drückt die Stoppuhr. Anders als vorhin bin ich jetzt seltsam ruhig, entspannt, von einer heiteren Leichtigkeit erfüllt. Dass mein Körper den Sauerstoffentzug diesmal so gelassen hinnimmt, fühlt sich befremdlich an. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit merke ich, wie Unruhe in mir aufkeimt. Ein leichtes Kribbeln wandert durch meine Finger, Hände, Füße und Beine bevor sich Taubheit in meinen Gliedern breit macht. Das Blut strömt aus meinen Gliedmaßen zur Lunge, wo es gebraucht wird, um Herz und Gehirn vor dem Kollaps zu bewahren. Bloodshift oder zu Deutsch Blutverschiebung nennt sich dieses zweite evolutionäre Überbleibsel aus einer Zeit, in der wir Menschen noch die Ozeane bewohnt haben. 

Schließlich wird der Wunsch zu zappeln und allen Sauerstoff um mich herum einzusaugen übermächtig. Ich reiße den Mund auf und implosionsartig schießt frische Luft in mich hinein. Bat befielt mir, drei mal mit weit geöffnetem Mund ruckartig Luft einzusaugen. „So steigt die Sauerstoffsättigung im Blut am schnellsten wieder an“, erklärt er mir. Ich lerne, dass dieser Vorgang unmittelbar auf jeden Tauchgang folgen muss, um sicher zu gehen, dass nicht doch noch eine Bewusstlosigkeit eintritt. Ein gegenseitiger Blick in die Augen ist ebenfalls obligatorisch, damit sich Lehrer oder Tauchbuddy von der Unversehrtheit und dem vollen Bewusstsein des Tauchers nach dem Auftauchen überzeugen können. 

 

Als Puls und Atmung sich beruhigt haben, blickt Bat auf seine Stoppuhr. Mit hochgezogenen Augenbrauen liest er meine Zeit ab: „Zwei Minuten und 32 Sekunden.“ Ich muss grinsen. Auch bei Bat sehe ich Anzeichen eines Lächelns. „Siehst Du! Doppelt so lang wie beim ersten Versuch. Dann machen wir jetzt im Wasser weiter“, höre ich seine Stimme aus dem Gewirr von Unterwasserutensilien, wo er geräuschvoll nach unserer Ausrüstung kramt. Eine Taucherbrille mit Schnorchel bekomme ich vor die Füße gelegt und ein paar schwarze Flossen. Viel länger als übliche Tauchflossen sind sie, fast einen Meter lang und steif, um dem Taucher ein Maximum an Schubkraft zu verleihen. Ein Neoprenanzug fliegt mir entgegen. Zwar herrschen hier Wassertemperaturen auf Badewannenniveau, aber im Wasser kühlt der Körper 25 Mal schneller aus als an der Luft. Ich zwänge mich in den hautengen Anzug. Bat drückt mir noch einen Gurt mit Bleigewichten in die Hand. Dieser gleicht meinen Auftrieb aus, damit ich nicht wie eine Boje auf der Wasseroberfläche treibe.

 

10 Meter

 

Sobald das Equipment an meinem Körper sitzt, scheucht mich Bat ins flache Wasser vor seiner Hütte. Er erklärt mir, wie ich die Beine bewegen muss, um mit den sperrigen Flossen keine Muskelkrämpfe zu bekommen. Mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegend wiederhole ich meine Atemübungen, bevor ich einen ersten Testlauf absolvieren muss: ohne zu atmen eine möglichst lange Strecke an der Wasseroberfläche zurück legen. Dynamics with fins - Dynamik mit Flossen - nennt sich diese Disziplin im Apnoesport. Statt auf Tiefe kommt es allein auf die zurückgelegte Distanz an. Der Weltrekord liegt derzeit bei 300 m in vier Minuten und 48 Sekunden. Davon bin ich noch weit entfernt. Bat scheint trotzdem zufrieden zu sein, denn wir schwimmen jetzt ins tiefere Wasser wo er eine Boje mit Seil am Boden verankert, die uns als Trainingsbasis dient. Meine nächste Aufgabe besteht darin, dem Seil in die Tiefe zu folgen. Bei zehn Metern hängt eine Markierung. Bis zu der muss ich es schaffen.

Bat erklärt mir zunächst die richtige Abtauch-Technik, den Duck Dive. Flach im Wasser liegend muss ich meinen Oberkörper nach unten klappen, anschließend meine Beine nacheinander aus dem Wasser nach oben strecken, mit einer Hand für den Druckausgleich zur Nase greifen und mich dann mit kräftigen Armzügen unter Wasser ziehen. Nach einigen Versuchen, bei denen ich mir wie ein prustendes Michelin-Männchen vorkomme, klappt es auch schon ganz gut. Nun heißt es wieder runterkommen, entspannen. Mit dem Kopf nach unten liege ich im Wasser, halte mich mit beiden Händen an der Boje fest. „Drei Minuten“, gurgelt Bats Stimme durch das Wasser an mein Ohr. Einatmen, ich zähle langsam bis fünf. Ausatmen, bis zehn. Eine friedliche Ruhe, gepaart mit gelassener Heiterkeit kribbelt durch meine Adern. Als ich Bats Hand auf meiner Schulter spüre sauge ich die Luft tief ein und stoße sie ruckartig wieder aus. Drei mal. Dann ein letzter tiefer Atemzug bis meine Lunge schmerzt, ich klappe meinen Oberkörper nach unten, strecke die Füße in die Luft und stürze mich mit einem kräftigen Armzug in die Tiefe. Sobald ich vollständig unter Wasser bin, paddeln nur noch die Beine. Ruhige Bewegungen sind jetzt wichtig, damit mein Körper nur das Nötigste an Sauerstoff verbraucht. Eine Hand ist am Führungsseil um die Orientierung nicht zu verlieren, die andere presst meine Nase fest zu. Alle paar Meter puste ich für den Druckausgleich in meine zusammengepressten Nasenlöcher. Fast schieße ich an der Zehn-Meter-Markierung vorbei, so schnell treiben mich die riesigen Flossen in die Tiefe. Einfach fest am Seil ziehen, so hat mir Bat erklärt, schon wird mein Schub umgekehrt. Ich treibe dem Licht der Oberfläche entgegen und schnelle wie ein Korken aus dem Wasser. Blickkontakt und Luft holen nicht vergessen. „Du lernst schnell“, begrüßt mich mein Trainer. „Aber jetzt schau mir in die Augen. Ich muss wissen, ob Du O. K. bist.“ 

 

Bats Fürsorge wirkt auf mich übertrieben, hat jedoch ihren guten Grund: beim Auftauchen, in einer Tiefe von zehn bis fünf Metern, kann es zu einem sogenannten Flachwasser-Blackout kommen. Unter Wasser werden Hohlräume und Gase im Körper komprimiert. Schon in zehn Metern Tiefe hat der zusätzliche atmosphärische Druck meine Lunge auf die Hälfte ihrer Größe zusammengepresst und beim Auftauchen wie Popcorn wieder aufploppen lassen. Die kurz zuvor noch ausreichende Sauerstoffsättigung kann in diesem Moment unter die kritische Marke sinken. Bewusstlosigkeit wäre die Folge. „Dreimal tief einatmen“, befielt mir Bat. Dankbar gehorche ich.

Ich lege mich wieder für die Atemübungen zurecht um das Ganze noch ein paar Mal zu wiederholen. Wie gut der menschliche Körper noch immer an die Bedingungen unter Wasser angepasst ist, beeindruckt mich. Auch nach Jahrmillionen der Evolution haben Säugetiere und andere Lungenatmende Lebewesen immer noch einen Schutzmechanismus, den sogenannten Tauchreflex, der dafür sorgt, dass beim Eintauchen ins Wasser der Atemreflex unterbunden, der Herzschlag verlangsamt und der Blutkreislauf auf die wichtigsten Organe konzentriert wird. Der absolute Tiefenrekord im Apnoetauchen liegt derzeit bei 253 m. Dort unten ist die menschliche Lunge nur noch so groß wie eine Orange und mit Blut gefüllt um nicht zu kollabieren. Eine unglaubliche Leistung. Auch wenn ich erst bei zehn Metern angelangt bin, fühle ich mich stolz und einigermaßen erschöpft, als ich am Ende des Tages berauscht an Land torkle. Tiefes Blau mäandert durch meine Gedanken während ich, begleitet vom Geräusch der Wellen, in den Schlaf sinke. 

 

20 Meter

 

Noch bevor ich am nächsten Morgen richtig wach bin flutet aufgeregte Vorfreude meine müden Glieder. Nach einem kargen und koffeinlosen Frühstück haste ich durch den weichen Sand zur Tauchschule, wo Bat mich schon mit einem Zigarettenstummel im Mundwinkel begrüßt. In der goldenen Morgensonne laden wir die Ausrüstung auf ein Boot, das uns hinaus auf´s offene Meer bringt. Adrenalin durchströmt mich beim Gedanken an meinen ersten richtigen, freien Tauchgang. Während das Boot über die Wellen schaukelt bereiten wir die Ausrüstung vor, zwängen uns in die Anzüge und schnallen uns Bleigurte um. 20 Meter, lautet meine heutige Aufgabe. Kaum hat das Boot seinen Ankerplatz erreicht, scheucht mich Bat ins Wasser und an die Boje wo ich meinen Ausflug in eine fremde Welt vorbereite. Einige letzte Instruktionen, dann lege ich mich ausgestreckt ins Wasser. Die Wellen wiegen meinen Körper hin und her, Sonnenstrahlen zerspringen im Wasser und tanzen um mich herum. Ich schließe die Augen. Tief ausatmen. Und wieder ein. Profis würden jetzt ihren Herzschlag auf wenige Schläge pro Minute drosseln. Das gelingt mir natürlich noch nicht. Dennoch spüre ich wieder diese tranceartige Gelassenheit in mir. Bats Hand berührt meine Schulter. Dreimal tief einatmen und die Luft wieder auspusten. Ich fülle meine Lunge bis zum Zerreissen mit Sauerstoff, nehme den Schnorchel aus dem Mund und puste in meine zusammengepressten Nasenflügel bis die Trommelfelle knacken. Mein Oberkörper klappt nach unten und kräftige Beinschlägen tragen mich in einen fremden Kosmos hinab. 

 

An der 20 Meter Marke verharre ich. Der Druck von drei Atmosphären lastet jetzt auf mir, drei Kilogramm auf jedem Quadratzentimeter meines Körpers. Mein Lungenvolumen ist auf ein Drittel seiner ursprünglichen Größe komprimiert. Ein Gefühl, das mich berauscht und gleichzeitig in tiefen Frieden versetzt. Ohne schwere Gasflaschen und das lästige gurgeln eines Atemgerätes beobachte ich das Treiben der Meeresbewohner, als gehörte ich irgendwie dazu. Kugelfische trudeln wie kleine Schuhkartons mit Propellerantrieb unter mir durch´s Wasser. Urzeitlich anmutende Riesenzackenbarsche dümpeln träge dahin und streitlustige Riesen-Drückerfische, die zwar wie eine lustige Walt Disney-Figur aussehen, aber mit ihren messerscharfen Zähnen jeden angreifen, der sich in ihr Revier verirrt, werfen mir herausfordernde Blicke zu. Für sie alle bin ich nur ein Gast in dieser Welt, die allein aus wabernden, pure Lebensfreude versprühenden Sonnenstrahlen zu bestehen scheint. Apnoe - ohne Atem, bedeutet das griechische Wort. Atemlos und lebendig wie nie zuvor, schwerelos und frei schwebe ich in der blauen Tiefe des Ozeans.  


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