Es geht auch anders


Der sumpfige Boden ist von Fröschen bedeckt, ein Kürbis hat sich auf einen Baum gehangelt und ein mutiert wirkender Kohlrabi erkundet mit seinen Luftwurzeln die Umgebung. Die riesigen Hände in die Hüften gestemmt, lässt Martin den Blick mit liebevollem Stolz über sein Reich schweifen.

 

Martin Hesch ist Landwirt. Aber hektarweise Monokulturen, die nur mit Hilfe von Pestiziden überleben, schwere Maschinen, die den Boden bis zum Letzten auslaugen und Gentechnik für maximalen Ertrag sucht man auf seinem Biohof vergebens. Im Landkreis Augsburg, versteckt zwischen wogenden Wiesen und sanften Hügeln, liegt das Dorf Emersacker, wo sich Martin mit seiner Lebensgefährtin Vroni den Traum von einem Leben mit der Natur, abseits den Zwängen der Kapitalgesellschaft, verwirklicht hat. Doch biologischer Anbau allein genügt den beiden nicht. „Wir wollen uns ernähren, ohne der Natur zu schaden.“ sagt Martin. „Die Natur gibt uns alles was wir brauchen. Wir formen sie nur, den Rest erledigt sie von alleine.“ Das Konzept, nach dem Martin sein Land bewirtschaftet, nennt sich Permakultur. Bei dieser Form der Bewirtschaftung wird ein sich selbst erhaltendes Ökosystem nachgeahmt, bei dem sich die Pflanzen gegenseitig ergänzen und schützen. Wie der Begriff nahelegt, ist der Boden dabei permanent, auch im Winter, von Pflanzen bedeckt und wird nicht, wie in der konventionellen Landwirtschaft, regelmäßig umgegraben. Das schützt den Boden vor Erosion. Würmer und andere Bodenorganismen zersetzen zudem verrottende Pflanzenreste, die so zusammen mit anderen toten, organischen Substanzen, besten Humus entstehen lassen. Frei von Chemie entsteht dadurch ein fruchtbarer Boden, der von seinen tierischen und organischen Bewohnern ununterbrochen gepflegt wird und keiner künstlichen Düngung bedarf. 

 

Was für den unwissenden Betrachter zunächst wie wildwucherndes Gestrüpp anmutet, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als das Produkt langer, harter Arbeit. „Das alles hier war eine einzige Sumpflandschaft,“ erklärt Martin, „viel zu nass um es jemals trocken zu bekommen. Da habe ich einfach beschlossen, Hügelbeete anzulegen.“ Wo auf den ersten Blick Pflanzen im Kampf um die besten Plätze chaotisch durch- und übereinander wachsen, zeigt sich nach und nach ein System. Die Hügelbeete sind entweder in langen Reihen oder halbmondförmig nebeneinander angeordnet, je nachdem, wie viel Sonneneinstrahlung die Pflanzen brauchen. Einige der Wälle sind zu geschlossenen Kreisen aufgeschüttet, die nur an einer Stelle einen Zugang zum Innern haben. Kraterbeet sagt man dazu, weil sie an die Kraterform von Vulkanen erinnern. Die Innenwände speichern die Sonnenstrahlen, der Wall hält den Wind ab, was sogar den Anbau von wärmeliebenden Pflanzen wie Artischocken ermöglicht. Obwohl es schon fast Oktober ist, streckt sich ein kleines Salatpflänzchen der Sonne entgegen. „Der hat sich wohl selbst ausgesät,“ lacht Martin. „Das ist eine winterharte Sorte, die hält bis zu minus 20 Grad Celsius aus.“ Auf den anderen Hügelbeeten gedeihen verschiedene Kohlsorten, Weißkohl, Rotkohl und Kohlrabi. Kürbisse lugen zwischen vertrockneten Tomatenstauden hervor, Lauch und Rettich leisten sich gegenseitig Gesellschaft. Der feuchte Boden schmatzt beim Gehen. Mehrere

Tümpel zeugen davon, dass hier einst Sumpfgebiet die Landschaft beherrscht hat. Sie bieten Heerscharen von Fröschen ein luxuriöses Zuhause. Bei jedem Schritt hüpfen Dutzende von ihnen davon oder machen sich geräuschvoll bemerkbar, wenn sie mit einem lauten Platschen ins Wasser hüpfen.

 

Flora und Fauna bilden eine Einheit

 

Nicht nur die Pflanzen profitieren von der dichten und abwechslungsreichen Fauna. Neben den Fröschen fühlen sich im Schutz des Schilfs auch seltene Vogelarten wie Fasane und Wachteln wohl, die man allerdings kaum zu Gesicht bekommt. Bemerkbar machen sie sich lediglich durch die effiziente Schädlingsbekämpfung. „Im Frühjahr hatten wir hier Unmengen von Kartoffelkäferlarven.“ Erzählt Martin. „Wir haben uns große Sorgen um die Ernte gemacht, aber plötzlich waren alle weg, wie vom Erdboden verschluckt. Nach etwas Recherche habe ich herausgefunden, dass Wachteln wohl dafür verantwortlich waren. Für die meisten Tiere sind Kartoffelkäfer giftig oder zumindest unverdaulich, aber für die Wachteln sind sie eine Delikatesse. Und unsere Frösche haben sich dieses Jahr um die ganzen Mückenlarven gekümmert, die uns letztes Jahr eine echte Plage beschert haben.“

 

Ein intaktes ökologisches System kann sich in der Regel ohne fremde Hilfe gegen die üblichen Widrigkeiten der Natur zur Wehr setzen. Egal ob Hitze, Kälte, Trockenheit oder Schädlinge: Tiere und Pflanzen ergänzen und schützen sich gegenseitig. Das macht Chemie und künstliche Bewässerung weitestgehend überflüssig. Falls doch mal nachgeholfen werden muss, greift die Permakultur auf traditionelle Hilfsmittel zurück. Unkraut - Martin bevorzugt das Wort „Beikraut“, da es kein Kraut gibt, das nicht seinen Sinn und Zweck erfüllt - wird mit der Hand entfernt. Schädlingsbekämpfungsmittel werden aus Kräuter gewonnen, die zu einem Sud verarbeitet und nur verwendet werden, wenn die Ernte tatsächlich in Gefahr ist. Aber das scheint zumindest in diesem Jahr nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil: alles gedeiht üppig, die Kohlsorten scheinen gar über´s Ziel hinausschießen zu wollen. Die Blätter von Weiß- und Rotkohl sind riesig, Farbe und Struktur der Pflanzen makellos. „Wir verzichten komplett auf Gentechnik und ziehen all unsere Gemüsepflanzen in Frühbeeten und beheizten Gewächshäusern selbst. Das ist zwar harte Arbeit, aber unheimlich befriedigend. Und wir wissen immer ganz genau, was wir eigentlich essen.“ Martin und Vroni müssen nur einen geringen Teil ihrer täglichen Nahrungsmittel zukaufen. Gemüse, Kartoffeln und Getreide kommen aus eigenem Anbau. Marmeladen und Soßen kocht Vroni immer selbst. „Nur Milch, Käse und Eier kaufen wir ab und zu. Fleisch kommt eh nicht auf den Tisch da wir uns schon seit Jahren vegetarisch ernähren“, erzählt sie munter. Auch das Haus, das die Beiden zusammen gebaut haben, ist so weit wie möglich nach ökologischen Gesichtspunkten errichtet. „Wir haben versucht, nur Baustoffe zu verwenden, die die Erde wieder aufnehmen kann, wenn wir einmal nicht mehr sind.“

 

Seit gut zehn Jahren bewirtschaften Martin und Vroni nun gemeinsam den Biohof. In einem kleinen Hofladen verkaufen sie die Produkte aus ihrer eigenen Erzeugung. Was als Lebenstraum begonnen hat zeigt, dass konventionelle Landwirtschaft, von der sich auch biologischer Anbau nicht zwingend stark unterscheidet, keine Notwendigkeit ist. Die Permakultur ermöglicht eine hohe Biodiversität und somit auch hohe Erträge auf kleiner Fläche und zieht deshalb bereits das Interesse der Agrarwissenschaften auf sich. Was Martin und Vorne seit langem wissen, muss die Forschung jedoch erst noch beweisen: dass die Permakultur nicht nur eine idyllische Wunschvorstellung, sondern eine echte Alternative zur konventionellen Landwirtschaft ist.


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